Bericht für den 26. April 2010

 

Gold & Gesellschaft: Kapitalismus-Totengräber Bank?

 

Mit zunehmender Industrialisierung im 18. Jahrhundert entstand mit dem Kapitalismus eine neue Wirtschaftsordnung, welche das bislang geltenden feudalistische System ablöste. Privateigentum an den Produktionsmitteln sowie eine dezentrale privatunternehmerische Planung der Wirtschaft traten anstelle eines Systems der Naturalwirtschaft, das von Grundherren-Eigentum und Leibeigenschaft geprägt war.

 

Marktmechanismen und wirtschaftliches Handeln nach den Ergebnissen der Kapitalrechnung charakterisierten fortan diese kapitalistische Grundordnung.

 

Aber auch der Kapitalismus war nicht frei von Problemen. Wiederkehrende Krisen führten zu einer Systemkritik, die von Philosophen wie Karl Marx artikuliert wurden. Deren Theorien konnten sich in der konkreten Implementierung jedoch letztendlich nicht gegen das kapitalistische System durchsetzen: Der Sozialismus beziehungsweise Kommunismus brach nach einem dreiviertel Jahrhundert in sich zusammen.

 

Der russische Wirtschaftswissenschafter Nikolai Dmitrijewitsch Kondratjew hatte mit seiner Untersuchung des Kapitalismus eigentlich das Ziel, nach der russischen Oktoberrevolution ein System zu implementieren, das einen schrittweisen Abkehr vom Kapitalismus ermöglichen sollte. Er fand dabei heraus, dass sich der Kapitalismus trotz Krisen immer wieder im Rahmen eines zyklischen Modells zu regenerieren wusste. Es entstand die Theorie der langen Wellen, die auch als Kondratjew-Zyklus bezeichnet werden. Diese 40 bis 60 Jahre dauernden Wellen bestehen aus einer länger andauernden Aufstiegsphase und einer etwas kürzeren Abstiegsphase. Die langen Wellen werden dabei von den kurzen Konjunkturwellen überlagert – man spricht hier auch von dem Schweine-Zyklus.

 

Während der Stalinismus sich der Theorien von Kondratjew erst durch Implementierung der Planwirtschaft entzog und ihn dann später im Rahmen der stalinistischen Säuberungswellen ermorden ließ, versuchten Politiker und Notenbanken in den kapitalistischen Ländern, einen Ausweg aus der kondratjewschen Krisen-Phase zu finden. Denn längere Abschwungs-Phasen sind für die nach Wiederwahl strebenden Kräfte eine latente Machtgefahr.

 

Die Grundidee dabei war es, ein neues Geldsystem zu etablieren, das nach Außen weiterhin den Anschein von Stabilität gewährleisten sollte. Es wurden mit den Zentralbanken Institute geschaffen, die für die Ausgabe und Verteilung des staatlich legitimierten Geldes verantwortlich waren. Das Bankensystem führte dieses aus dem Nichts geschaffene Geld dann in den Wirtschaftskreislauf ein.

 

Ein faustischer Pakt zwischen Politik und Banken-System ermöglichte es den Politikern, immer neue Wohltaten für ihre Wähler zu verteilen. Das neu geschaffene System aus Notenbanken und Geschäftsbanken konnte das Geld dafür durch wunderbare Art und Weise kreieren. Die Abschwungs-Phasen des Kapitalismus schienen endgültig überwunden zu sein.

 

In Wirklichkeit hat man jedoch die Abschwungsphase nur herausgezögert, in dem man die Lasten in die Zukunft verschoben hat. Mit der Abschaffung des Glass-Steagall Acts im Jahre 1999 durch die Clinton-Administration begann das Bankensystem, die Lebensdauer der Politiker-Party mit dem Zugriff auf die Spareinlagen der Bürger noch einmal zu verlängern. Das hat bekanntermaßen die Krise noch weitere sieben Jahre herausschieben können.

 

Diese kam dann, beginnend mit den ersten Anzeichen im Jahr 2006 aber um so heftiger und resultierte im Herbst 2008 in einem weltweiten Zusammenbruch des Banken-Systems. Jetzt forderten die Banker ihren teuflischen Lohn für den Pakt von der Politik – nachdem man bereits die Spareinlagen verzockt hatte, mussten nun die Staaten selbst die Rettung der Banken organisieren.

 

Knapp zwei Jahre später stehen nun die ersten Staaten selbst vor ihrem Bankrott.

 

Es hat den Anschein, dass der Politik/Banken Pakt nach über 200 Jahren praktiziertem Kapitalismus das Ende dieser Ära einzuläuten scheint. Notorische Uneinsichtigkeit, anhaltende Raffgier und fehlende Reformbereitschaft, wie der SPIEGEL neulich schrieb, scheinen eine Eigenschaft dieser selbsterwählten Herrenrasse der Banker zu sein.

 

Der Kapitalismus kann und wird sich aber durch das Abschütteln der teuflischen Verbindung zwischen Politik und Banken wieder regenerieren. Am Ende dieser Entwicklung wird ein um den Faktor zehn geschrumpftes Banken-System stehen, das sich dann wieder seiner ursprünglichen Aufgabe widmen kann: Spareinlagen zu Gunsten der Investitionstätigkeit der Unternehmen zu verteilen.

 

Mit dem einhergehenden Ende des staatskapitalistischen Umverteilungssystem wird dann auch wieder eine neue Generation von Politikern entstehen: Diejenigen, die sich um gemeinschaftliche Aufgaben der Gesellschaft kümmert und nicht länger wie ein Geschwür die privatunternehmerische Tätigkeit zerstören. Dem 50 Prozent-Staat (bezogen auf die Gesamtwirtschafts-Leistung einer Volkswirtschaft) wird dann wieder ein 10 Prozent-Staat folgen müssen. Denn nicht nur den Bankern kann man notorische Uneinsichtigkeit und fehlende Reformbereitschaft nachsagen.

 

Aktuelle Entwicklung an den Gold-Märkten

 

Bloomberg meldete heute: Greek Bonds Tumble Amid Speculation Germany May Hold Back on Bailout Funds. Die FDP meutert gerade gegen Finanzminister Schäuble, der zwar Geld zur Rettung der Griechen bereitstellen will, für die FDP-Projekte Kopf-Pauschale und die Steuerentlastung aber keinen Spielraum sieht. Diese Situation wird sich mit der neuen Steuerschätzung noch verstärken, wo die Experten bereits weitere Steuerausfälle beim Bund in der Höhe von fünf Milliarden Euro jährlich sehen.

 

Anscheinend gibt es neben Deutschland aber auch noch andere Länder, die befürchten, das derzeitige Hilfspaket an Griechenland sei noch nicht das Ende der Fahnenstange. Bloomberg zitiert den kanadischen Finanzminister wie folgt: Canadian Finance Minister Jim Flaherty told reporters in Washington that some Group of 20 countries, including Europeans, fear that the bailout package is not enough and want to ensure any rescue is a one-time event.

 

Diese Aussage ist reine Rhetorik und bedeutet im Klartext: Wir werden nicht zahlen.

 

Es ist derzeit sowieso ein interessantes Phänomen zu beobachten: Die großen Staaten wie Italien, Spanien und auch Frankreich, die vielleicht selbst bald gerettet werden müssen, wollen das Paket durchwinken. Genauso Österreich, das die EU vor Monaten klammheimlich vor dem Bankrott seines Bankensystems gerettet hat, indem Finanzhilfen an die Staaten im Osteuropa wie beispielsweise Ungarn flossen. Auch die Schweiz stützt nicht nur aus Nächstenliebe den Euro: Neben der exportabhängigen Industrie ist das Schweizer Bankensystem neben Frankreich der größte Gläubiger an Griechenland – pro Kopf also der am stärksten Betroffene.

 

Andreas Schmitz, Vorstandssprecher von der Düsseldorfer HSBC Trinkaus vertritt derzeit als Präsident der Bankenvereinigung das deutsche Bankensystem. Gestern warnte er bei PHOENIX wegen der Griechenland-Krise vor einer Kettenreaktion. Dabei ist die HSBC das britische Pendant zu JP Morgan Chase in den USA. Das angelsächsische Banken-Oligopol kontrolliert auch in Deutschland schon die Politik des Bankensektors.

 

Cui bono – wer zieht am meisten Nutzen aus der Griechenland-Rettung?

 

Zum heutigen Geschehen an den Gold-Märkten: Zuerst konnte Gold in Euro gerechnet einen neuen Höchststand gegenüber dem Euro erzielen. Der bisherige Höchststand mit EUR 863,01 vom 9. April 2010 (A.M. Fix) wurde heute um knapp fünf Euro überboten: EUR 867,80 lautete der Kurs zum Londoner A.M. Fix heute Vormittag.

 

Ansonsten verlief die Preisentwicklung in sehr moderaten Bahnen. Im Vorfeld des Meeting des FOMC (Offenmarkt-Ausschuss) der FED am Dienstag und am Mittwoch wollte man jedoch dem Goldpreis heute keinen Spielraum mehr nach oben einräumen. Insbesondere vor dem Hintergrund, dass ein Anstieg über die kritische Marke von $1.160 ein erneutes Testen der Marke von $1.200 vom letzten Jahr zur Folge haben dürfte. So schwankte Gold nach einem Anstieg nahe der Marke von $1.160 im asiatischen Handel heute im Londoner Handel und während der Handelszeit an der COMEX um die Marke von $1.155. Der schwächere Euro unterstütze das Gold-Kartell bei seinem heutigen Treiben.

 

Trotzdem waren heute alle drei wichtigen Preismarken im Plus: A.M. Fix mit $1.154,00 (EUR 867,80) plus $14, P.M. Fix mit $1.154,50 (EUR 866,74) plus $15 und der COMEX-Schlusskurs mit $1.153,40 plus +$0,40.

 

Der Euro konnte seine Tagesverluste im Laufe des Tages abbauen – wieder einmal durch Eingriffe der Notenbanken in den Devisen-Markt. Denn die Renditen der griechischen Staatsanleihen sind weiterhin auf dem Weg nach oben: 9,6 Prozent bei den 10-jährigen Anleihen – plus 0,9 Prozentpunkte und 13,2 Prozent bei den 2-jährigen Anleihen – plus 3,2 Prozentpunkte.

 

Die drei weißen Edelmetalle konnten trotz des sinkenden Ölpreises zumindest ihr Kurs-Niveau halten.

 

 

 

Wichtige Marktdaten im Überblick

 

Gold-Preis

Heute

Vortag

Veränderung

Gold A.M. Fix (LBMA)

$1.154,00

(€867,80)

$1.140,00

(€855,41)

+ $14,00

Gold P.M. Fix (LBMA)

$1.154,50

(€866,74)

$1.139,50

(€856,90)

+ $15,00

COMEX Schlusskurs

$1.153,40

$1.153,00

+ $0,40

andere Marktdaten

 

US-Dollar Index (USDX)

81,4

81,5

- 0,1

Renditen 10-jährige Treasuries

3,8 %

3,8 %

unverändert

Quotient aus USDX und Renditen

21,4

21,4

unverändert

 

Über Ziemanns Gold News

Ziemanns Gold News, bislang unter Walter Eichelburgs hartgeld.com täglich publiziert, werden seit Ende August 2009 unter bullionaer.de veröffentlicht.
Er ist erreichbar unter:
ziemann@bullionaer.de

 

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